Ostern drehen die Flügel an der Bockwindmühle in Dornum wieder

Sie dreht sich wieder:

 

 

 

Hier gibt es ein Fotoalbum https://photos.app.goo.gl/3NijF7VAfACMFiFJA

Hier gibt es ein Videohttps://youtu.be/OT0-fupPpzU

 

 

Am Sonntag, dem 7. Juli 2019, 14.10 Uhr, brach mitten im Betrieb eine Flügelspitze an der Bockwindmühle in Dornum ab. Die Flügelspitze zerstörte einige Felder des Kupferdaches und schlug auf das Dach des Unterbaus. Zu der Zeit hielten sich 14 Besucher bei einer Mühlenführung mit Wilhelm Broeksmid in der Mühle auf. Sie konnten diese unverletzt verlassen, wobei der Schock allen in den Gliedern saß. Der Schock saß und sitzt immer noch sehr tief bei den aktiven Müllern der Bockwindmühle. Sie haben sich sehr intensiv um die Pflege der Mühle gekümmert, festgestellte Mängel wurden sofort fachmännisch repariert. Noch vor einem Jahr wurde die Mühle samt Flügel neu gestrichen, dabei wurden keine Auffälligkeiten festgestellt.

Eine erste Schadensbegutachtung führte zu dem Ergebnis, dass für den Bruch des Bruststückes offensichtlich eingedrungene Feuchtigkeit verantwortlich war, die zu einer Art Verpilzung geführt hat. Die Feuchtigkeit könnte über die Verschraubung im fraglichen Bereich und über Holzrisse eingedrungen sein. Weiterhin führt die Umgebungsbebauung zu starken Windverwirbelungen die das Flügelkreuz ungleichmäßig belasten, dadurch können Risse im Holz entstanden sein, letztendlich ist auch eine Vorschädigung durch die Stürme der letzten Zeit nicht auszuschließen.

Diese Erkenntnisse wurden beim Bau der neuen Flügel berücksichtigt.

Zunächst war grundsätzlich eine Entscheidung über das Material für die neuen Flügel zu treffen. Es war ein schwieriges Unterfangen, im Angebot standen Flügel aus Cortenstahl, Bilingaholz, sibirische Lärche und Douglasie. Aber auch Leimholzbinder und sogar Buchenholz wurde von „Fachleuten“ angeboten. Die aktiven Müller an der Bockwindmühle sind alle Hardliner. Für sie kam grundsätzlich nur Holz als Baumaterial infrage. Einen Lösungsansatz lieferte der Müller David Reitsema mit einem Hinweis auf die Firma Houtcompagnie in Harlingen in den Niederlanden.

Am 10. September 2019 wurde die Firma besucht und wie versprochen fanden die Müller gewaltige Douglasien Baumstämme vor. Die Stämme sind in den Ardennen in Belgien in einer Höhe über 600 m gewachsen, fast Astlos und von außerordentlichem geraden Wuchs. Eine Zählung der Jahresringe brachte ein Alter von über 100 Jahren. Douglasie eignet sich ebenfalls wie Lärche für den Flügelbau. Die Müller hatten ihr Holz gefunden. Der Namen des Lieferanten wurde zunächst wie ein Staatsgeheimnis behandelt, erst als die vorgeschnittenen Balken am 10. Oktober 2019 geliefert waren, wurde er Interessierten genannt

In Zusammenarbeit mit einem örtlichen Dachdecker wurde das beschädigte Kupferdach und das Pappdach des Mühlenunterbaus noch im November wieder gerichtet. Dazu musste die Bockwindmühle eingerüstet werden.

Aus Platzmangel wurde für die Zimmerarbeiten ein großes Zelt beschafft und auf dem Gelände des 1. Vorsitzenden Wilhelm Broeksmid aufgestellt. Am 6. Januar 2020 begann dann der Mühlenbauer Diedrich Schlachter mit den Arbeiten, wobei diese unter dem Motto stehen „Flügelbau ist Möbelbau“. Damit ist die Präzision der Arbeiten einschließlich der Schleif- und Oberflächenarbeiten bezeichnet.

Auf der der Blockbandsäge wird ein Holzbalken für die Bruststücke geschnitten.

 

Am 7.02.2020 konnte Wilhelm Broeksmid dann den ersten Neubau einer Flügelspitze inspizieren.

Michael Röthling und Bernd Rother bei einem Probedurchgang, im weiteren Verlauf wurde selbstverständlich mit einer Atemschutzmaske gespritzt.

Auch die Lackierung stellte die Müller wieder vor eine neue Herausforderung. Die Zielsetzung war ein langlebiger Holzschutz. Viele Anrufe bei verschiedenen Farbherstellern, Gespräche mit aktiven Müllern und Holzfachleuten brachte schließlich als Ergebnis eine zweifache Grundierung mit einem Holz – und Bläueschutz und danach eine dreifache Lackierung mit einer abgetönten Leinölfarbe. Diese Farbe ist seit 10 Jahren an der Bockwindmühle, dem Müllerhaus und der Remise in der Anwendung und hat sich bestens bewährt.

Zum 20. Februar 2020 waren drei Flügelspitzen und die Bruststücke fertiggestellt. Sie wurden demontiert, danach grundiert und anschließend gestrichen.

So sieht eine neue Flügelspitze aus

 

 

Mittlerweile sind weitere 2 Monate ins Land gegangen und wir schreiben Donnerstag, den 9. April 2020. Nach genau 9 Monaten und 2 Tagen sind die neuen Flügel für die Mühle fertig.

Am Montag waren die Mühlenflügel zum Transport bereit. Morgens gab es dann den ersten Rückschlag, der Teleskoplader wollte nicht anspringen. Eine Fehlersuche ergab zwei verbrannte Phasen im Anlasser. Ein befreundeter Bauunternehmer stellte dem Mühlenverein anstandslos seinen Teleskoplader zur Verfügung und der Transport konnte beginnen. Zuvor wurden noch 6 Baggermatratzen zur Mühle gefahren. Ungläubigen Gesichtern und dummen Fragen, warum den jetzt ein Bagger an der Mühle schlafen würde, entgegnete der Vorsitzende, dass der Mobilkran auf die Grünfläche vor der Mühle aufgestellt wird und er braucht einen stabilen Standplatz auf dem weichen Untergrund, eben Baggermatratzen.

 

 

Um Punkt 08:00 h fuhr ein großer Mobilkran vor, am Steuer derselbe Fahrer der auch schon die Flügel demontiert hatte.

 

Um 08:30 Uhr wurde die erste Flügelspitze mit dem Kran angehoben. Es war die Flügelspitze für die Hausrute. An der Flügelspitze war schon das passende Bruststück mit Edelstahlbändern befestigt. Die gusseiserne Flügelaufnahme der Flügelwelle war so gedreht, dass die Öffnungen für den Hausbaum senkrecht standen. Das Kammrad im Inneren des Mühlenkastens war mit stabilen Spanngurten fixiert worden und konnte nicht mehr drehen.

 

 

Mit dem Kran wurde nun die Flügelspitze samt Bruststück von oben senkrecht nach unten in die Öffnung geführt, eine Millimeterarbeit, die eine gute Koordinierung zwischen Kranführer und dem Mühlenbauer erforderte. Didi Schlachter hat diese Arbeit aus dem Korb eines Teleskopsteigers heraus geleitet. Nach richtigem Einpassen des Bruststückes wurde dieses mit Keilen befestigt.

 

 

 

Von unten wurde nun die zweite Flügelspitze an den Hausbaum angesetzt und ebenfalls verkeilt und mit Edelstahlbändern verschraubt. Zur Frühstückspause war die erste Flügelrute komplett fertig.

 

Volker Karkutsch hat die nächste Flügelspitze an den Kran gehängt. Volker Karkutsch war übrigens ein fleißiger Helfer beim Fertigen der Mühlenflügel, er hat bestimmt jedes Holzteil mindestens einmal gestrichen. Wobei es natürlich auch noch weitere fleißige Helfer gab.

Gestärkt ging es an den Einbau der Feldrute. Die Sicherung am Kammrad wurde gelöst und der Flügel konnte problemlos in die waagerechte Stellung gedreht werden. Rein

theoretisch war die Mühle schon wieder drehfähig. Aus der Vergangenheit sind Fälle bekannt, dass Müller mit nur einem Flügel ihre Mühle betreiben haben. Zur Erläuterung sei hier eingefügt, dass eine Mühle zwei Flügel mit vier Flügelspitzen hat.

In gleicher Weise wie zuvor beschrieben wurde die Feldrute eingesetzt und montiert.

 

 

Um 14:00 Uhr war die zweite Flügelrute montiert und der Kran der Fa. Kröger aus Großheide mit dem Fahrer Jens Lottmann aus Dornum konnte abrücken. Es wird sicherlich noch einen weiteren Tag dauern, bis die Restarbeiten an den Flügeln erledigt sind.

Beim Bau der Flügel galt es, das Gewicht des Flügelkreuzes im Auge zu behalten. Den Älteren wird in Erinnerung sein, dass die Mühle über 10 Jahre ohne Flügel im Ort gestanden hat. 1997 wurde Flügel aus Bilingaholz montiert. Diese Flügel waren für den damaligen Zustand der Mühle zu schwer. Die Mühle drohte umzukippen. Aus diesem Grunde wurden die Flügel demontiert. Vorherige Wägungen wurden von der Kranwaage bei der Montage bestätigt, das gesamte Flüglekreuz wiegt 2400 Kg und ist damit deutlich unter dem Gewicht des vorherigen Flügelkreuzes.

 

Sicherlich wird die Frage nach den Kosten aufkommen. Ursprünglich waren wir von einem Gesamtschaden von 60.000 Euro ausgegangen. Im Zuge des Flügelneubaues wurden einige kostenintensive Innovationen eingebaut. So werden beispielsweise die Flügel an den Bruststücken nicht mehr mit durchgehenden Schrauben befestigt sondern mit Laschen aus Edelstahl verschraubt. Außerdem wurden die Mühlenflügel insgesamt 5 mal gestrichen. So sind wird auf eine vorläufige Endsumme von ca. 80.000 Euro gekommen. Wir haben natürlich vom Mühlenverein die Spendentrommel gerührt und auch eine ganze Summe Geld durch zusätzliche Veranstaltungen erwirtschaftet. Der Mühlenverein hat über diese Spenden insgesamt 40.000 Euro der bisherigen Kosten übernommen. Somit ist die Finanzierung der 80.000 Euro gesichert. Das hat insbesondere den Kassenwart Günter Buss beruhigt, der immer einen Daumen auf notwendige Ausgaben hatte.

 

Der Mühlenverein hätte gerne zu Ostern die Mühle mit einem großen Fest wieder eröffnet. Leider geht das derzeit wegen der Corona Pandemie nicht. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Sobald die rechtlichen Möglichkeiten bestehen, wird der Verein Bockwindmühle von 1626 – Herrlichkeit Dornum im Rahmen einer Feierstunden die Unterstützung aller Spender würdigen mit einem anschließenden großen Fest an der Mühle. Dann haben wir zwei Gründe zu feiern, die Mühlenflügel drehen wieder und wir haben die Pandemie besiegt.

Der Vorstand, namentlich der 1. Vorsitzende Wilhelm Broeksmid, bedankt sich hier bei allen Helfern recht herzlich. Nur mit ihnen war es möglich, neue Flügel in der Rekordzeit von 9 Monaten und 2 Tagen zu montieren. Wir bedanken uns aber auch bei Wilhelm Broeksmid, den er war die treibene Kraft hinter der Arbeit.

Bleibt gesund.

Im April 2020

Redaktion und Bilder Michael Röthling